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„Ich bin selbst mein größter Kritiker“: Neil Oberleitner und der gewonnene innere Kampf

Mit dem Premieren-Einzeltitel in Veigy-Foncenex hat es sich das ÖTV-Ass selbst bewiesen und Selbstzweifel beseitigt.

Neil Oberleitner © | GEPA pictures/ Patrick Steiner

Derzeit liegen noch Welten zwischen seinem ATP-Einzelranking von Platz 948 und seiner aktuellen Doppel-Bestplatzierung von 156. Doch in der Weltrangliste am 30. Jänner wird sich dies ein wenig korrigieren: Da wird Neil Oberleitner im Single immerhin um Rang 670 auftauchen, knapp 100 Positionen besser als je zuvor. Am vergangenen Sonntag hat der 23-Jährige, wie berichtet, in Veigy-Foncenex im Osten Frankreichs, direkt an der Grenze zur Schweiz, seinen ersten internationalen Herren-Einzeltitel gefeiert. Überraschend vor allem deshalb, weil ihm das zunächst nicht etwa in der kleinsten Kategorie M15 glückte, sondern gar gleich bei einem ITF-M25-Turnier, und gegen durchaus starke Konkurrenten. In Runde eins schlug er etwa die Nummer 14 der ITF-Jugendweltrangliste, im Semifinale den topgesetzten Franzosen Matteo Martineau (ATP 421). Und im Titelspiel den 35 Jahre alten Routinier und ehemaligen Weltranglisten-85. Matthias Bachinger aus Deutschland, einen ausgewiesenen Hallenspezialisten, am Ende klar mit 6:4, 6:2.

„Ich habe es mir selbst nicht zugetraut“

Mit dem internationalen Premierenerfolg überraschte Oberleitner nicht nur die rot-weiß-rote Tennis-Fangemeinde, sondern primär auch sich selbst. „Denn wenn ich ganz ehrlich bin: Wenn mir wer vor der Woche gesagt hätte, dass ich nun hier ein 25er gewinne, dann hätte ich ihn wahrscheinlich gefragt, ob er deppert ist“, lächelte er gegenüber dem ÖTV, „weil ich’s mir selbst nicht zugetraut habe. Mir wurde zwar immer wieder, von mehreren Leuten, gesagt, dass ich’s drauf habe und auch im Einzel was gewinnen kann, dass ich ein guter Spieler bin. Und ich muss sagen, ich war selbst mein größter Kritiker, ich habe es nicht geglaubt, habe immer gesagt: ‚Das ist so weit weg, vielleicht kann ich ein, zwei ATP-Punkte bei einem Future machen’ – das war so der Gedanke, wenn ich mit meinem Vater geredet habe. Dass ich es mir jetzt selbst bewiesen habe, dass ich es doch drauf habe, das bedeutet mir schon extrem viel. Da ist mir schon ein großer Stein vom Herzen gefallen, weil ich im Einzel schon sehr an mir gezweifelt habe.“

Spezialisierung aufs Doppel stand kurz bevor

Die Selbstzweifel kamen auch nicht von ungefähr. „Ich habe im letzten Jahr mit meinen Ergebnissen im Einzel ziemlich gestruggelt, hatte keine gute Saison, mit vielen knappen Niederlagen – bei denen ich oftmals auch gut gespielt habe, aber die Matches halt nicht fertigspielen konnte. Und ich war auch vom Kopf her in keiner guten Position und keinem guten Zustand, dabei sehr negativ gegenüber meinem Einzelspiel eingestellt“, bekannte er offen. Angesichts von bereits 23 internationalen Herren-Doppeltiteln, inklusive schon eines ersten ATP-Challenger-Triumphes, war da auch die Spezialisierung aufs Doppel ein Thema: „Nachdem ich wieder auf über Platz 900 zurückgefallen bin und im Doppel doch einiges gewonnen hatte und ich da an den Top 150 kratze, war definitiv die Überlegung da.“ Es sollte jedoch anders kommen. Die diesbezügliche Wende führte – eine Ironie des Schicksals – ausgerechnet die Zusammenarbeit mit einem früheren Doppelspezialisten mit herbei: niemand Geringerer als Alexander Peya, einst Nummer drei der Welt und 17-facher ATP-Titelträger im Doppel.

Neo-Coach Peya „neben Roger Federer für mich das Vorbild“

In der Pro Tennis Akademie seines Vaters, des Ex-ÖTV-Davis-Cup-Spielers Michael „Elch“ Oberleitner, in Wien-Penzing hatte Neil zuvor lange Zeit intensiv und vor allem im Doppel erfolgreich mit Martin Gattringer gearbeitet. „Seit dem Ende des Jahres ist jetzt Alex für mich zuständig und mein Headcoach.“ Dem schreibt Oberleitner den jetzigen eklatanten Aufwärtstrend zu: „Vielleicht war das ein bisschen der Kick, den ich gebraucht habe, die Umstellung. Alex ist einer, den ich früher schon und immer noch wirklich respektiere und zu dem ich aufsehe – für das, was er im Tennis erreicht hat, und auch als Mensch. Er ist auch ein ganz großes Vorbild von mir. Neben Roger Federer ist er für mich eigentlich das Vorbild. Dass er nun mit mir zusammenarbeitet, dafür bin ich sehr dankbar, und wie man sieht, funktioniert es auch sehr gut.“ Bereits Ende Dezember habe er bei einem ITF-M15-Turnier in Monastir, bei dem er mit drei Siegen die Qualifikation überstanden und danach gegen den Zweitgesetzten und späteren klaren Turniersieger verloren hatte, „gesehen, dass ich anfange, ein bisschen besser zu spielen. Ich hab’s nur in den Ergebnissen noch nicht so ganz umsetzen können, aber man hat gemerkt, dass es in die richtige Richtung geht. Dass ich mich jetzt beim ersten Turnier der neuen Saison so belohne, ist sicherlich ein sehr gutes Zeichen. Ich bin sehr happy und zufrieden damit.“

Arbeit im mentalen Bereich trägt erste Früchte

Natürlich auch mit den Spielbedingungen auf dem Teppichbelag in Veigy-Foncenex habe sich Oberleitner letztlich äußerst gut arrangiert: „Ich habe vor allem die gesamte Woche über sehr gut serviert, das hat definitiv geholfen. Ich würde nicht sagen, dass ich immer so schnell serviert habe, aber ich habe eine gute Mischung gefunden – denn der Slice ist vom Boden sehr gut angenommen worden. Ich war in meinen Aufschlagspielen selten in Bedrängnis, muss ich sagen. Das hat mich auch teils selbst überrascht. Und auch wenn der Return mal zurückgekommen ist, war ich dafür ready, habe die Punkte gut gespielt, und auch viel offensiv nach vorne gespielt.“ Im Laufe der Woche durchtauchte der 1,93-Meter-Hüne viele angespannte und enge, teils mit Nervosität behaftete Situationen, war für ihn die späte Turnierphase bei einem M25-Event doch auch Neuland. So vergab er im Halbfinale im ersten Satz gleich vier Satzbälle, kämpfte sich jedoch durch heikle Phasen im zweiten Durchgang und drehte die Partie: „Ich bin immerzu drangeblieben und mental ruhig geblieben. Das ist eine Sache, an der Alex und ich gearbeitet haben, dass ich mein Ding einfach mache, ich im Kopf ruhig bleibe und dass meine Emotionen nicht mein Spiel beeinflussen. Das ist mir in dieser Woche generell sehr gut gelungen.“ Und resultierte im bekannten Überraschungserfolg.

Familie und Freunde stolz gemacht

Dieser Coup brachte auch Oberleitners Umfeld ganz aus dem Häuschen: „Ich war richtig überwältigt, wie viele Nachrichten ich danach bekommen habe. Die erste Person, die ich angerufen habe, war meine Freundin, da sie mich unglaublich unterstützt. Ich habe mich direkt nach dem Handshake auf die Bank auf dem Platz gesetzt und habe sie angerufen. Ich war natürlich megaglücklich, und sie weiß auch, was mir das bedeutet. Meine Mama und mein Papa haben mir auch ein Video geschickt, wie megastolz sie auf mich sind. Die beiden fiebern ja richtig mit und investieren so viel in meine Tenniskarriere – an Geld, an Nerven, mein Papa an Schweiß. Auch Alex habe ich natürlich angerufen und wollte mich auch noch bei ihm bedanken, weil er auch an mich glaubt und sich mit mir so reinhängt.“ Richtig stolz war also nicht nur Oberleitners in der Tennisszene bekannt strenger Vater, „sondern echt einige auf mich, denke ich. Meine ganze Familie und Freunde haben mir so viele Nachrichten geschickt. Ich bin wirklich sehr froh, sie zu haben, dass so viele da mit mir mitfiebern und ich mich auch selbst belohnen konnte.“

„Ich musste es mir eben selbst beweisen“

Der unerwartete Erfolg „gibt mir natürlich viel positive Energie. Denn wie gesagt: Ich bin selbst mein größter Kritiker. Sogar mein Papa, der eigentlich sehr kritisch ist, redet mir immer gut zu: ‚Du kannst das. Trau es dir zu.’ Auch meine anderen, vorherigen Coaches wie Martin Gattringer haben mir gesagt: ‚Jetzt hol dir mal ein Future. Du kriegst das hin, du spielst gut.’ Aber ich hatte immer an mir gezweifelt. Ich musste es mir eben selbst beweisen. Dass ich es im Doppel drauf habe, das habe ich mir bereits bewiesen, jetzt habe ich das auch mal im Einzel geschafft. Das fühlt sich definitiv sehr gut an, macht mich schon sehr glücklich und gibt mir viel an Zuversicht für die nächsten Turniere und für meine Einzelkarriere.“ Nachsatz: „Offensichtlich kann ich auf einem sehr guten Level spielen.“ Dies will Oberleitner natürlich auch in den kommenden Wochen bestätigen und an diesen Erfolg weiter anschließen. Dazu steht diese Woche erst mal Training auf dem Plan. Ehe der stets so schwierige innere, mentale Kampf auf der Profi-Tour, in den noch nicht finanziell ertragreichen Regionen der Weltranglisten, weitergeht.

Hier einige Fotos vom Finaltag:

©ITF Veigy-Foncenex / zVg | Ludo Morlat PASCUCCI
©ITF Veigy-Foncenex / zVg | Ludo Morlat PASCUCCI
©ITF Veigy-Foncenex / zVg | Ludo Morlat PASCUCCI
©ITF Veigy-Foncenex / zVg | Ludo Morlat PASCUCCI
©ITF Veigy-Foncenex / zVg | Ludo Morlat PASCUCCI
©ITF Veigy-Foncenex / zVg
©ITF Veigy-Foncenex / zVg | Ludo Morlat PASCUCCI
©ITF Veigy-Foncenex / zVg | Ludo Morlat PASCUCCI
©ITF Veigy-Foncenex / zVg | Ludo Morlat PASCUCCI
©ITF Veigy-Foncenex / zVg | Ludo Morlat PASCUCCI
©ITF Veigy-Foncenex / zVg | Ludo Morlat PASCUCCI

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